Hineinschnuppern

Hier könnt ihr in das erste Kapitel von „Sina Biberstein und das geheimnisvolle Koboldbuch" hineinschnuppern.

Zum Ausdrucken gibt es hier das erste Kapitel als PDF-Datei: Leseprobe Kapitel 1

Und wenn ihr euch lieber vorlesen lasst, dann gibt es hier eine mp3-Datei zum Download (neue Version Mai 2009!): Kapitel 1 vorgelesen


Leseprobe Kapitel 1:

Unheimlicher Besuch

Schau genau hin, dann schau noch einmal hin. So mancherlei Ding ist auf den ersten Blick unsichtbar.
Koboldregel Nr. 1

Es war eine bitterkalte Nacht. Sina hatte sich ihre dicke Federbettdecke bis an die Nasenspitze gezogen. Wenn sie ausatmete, bildete sich vor ihrem Gesicht eine feine Nebelwolke. Der Heizkörper in ihrem Zimmer war schon so alt, dass er den Kampf gegen den eisigen Winter, der draußen herrschte, längst aufgegeben hatte.

Sina musste an die Gänse denken. Ihr Vater hatte ihr einmal erzählt, dass die Decke, unter der sie schlief, mit Gänsedaunen gefüllt sei. Mussten dann die armen Vögel, von denen die feinen, flauschigen Federn stammten, jetzt frieren? Oder war den Tieren möglicherweise ein noch schlimmeres Schicksal widerfahren? Sina hatte beinahe schon ein schlechtes Gewissen, weil sie jetzt in ihrem weichen, warmen Bett liegen durfte, aus dem sie am liebsten nie wieder herausgekrochen wäre.

Das Licht des Mondes, der als halbe Scheibe am Himmel stand, leuchtete durch das mit Eisblumen geschmückte Fenster und fiel auf Sinas schulterlanges dunkles Haar. Es war schon sehr spät. Doch in dieser Nacht wollte der Schlaf einfach nicht kommen. Sina hatte ihre Augen noch nicht geschlossen. Es fiel auf, wie außerordentlich grün sie waren. Wie zwei funkelnde Smaragd-Edelsteine. Das hatte ihr Vater einmal gesagt. Und Sina war damals sehr glücklich darüber gewesen. Es war schön, auf irgendeine Weise etwas Besonderes zu sein.

Sina war elf Jahre alt und für ihr Alter etwas zu klein geraten. Die anderen Mädchen und Jungen ihrer Schulklasse überragten sie ohne Ausnahme ein deutliches Stück.

Ihre Mutter hatte schon oft versucht Sina zu trösten. »Du bist eben ein Spätentwickler. Du machst bestimmt eines Tages einen Satz und dann bist du genauso groß wie die anderen.«

Spätentwickler, Sina konnte sich schönere Komplimente vorstellen.

Das mit Sinas Namen war auch so eine Sache. Eigentlich hieß sie, wenn man es genau nahm, Gesina Ottilie Biberstein. Was für ein Ungetüm von einem Namen! Und dann dieses Ottilie. Einen schrecklicheren Vornamen konnte sie sich kaum vorstellen. Ihre Eltern hatten ihr erklärt, dass sie nach ihrer Patentante benannt worden war. Zum Glück nannten sie alle einfach nur Sina, zumindest fast alle.

Sie versuchte ihre Gedanken abzuschütteln. Es war Zeit, jetzt endlich zu schlafen. Schließlich musste sie am nächsten Morgen wieder früh aufstehen, um zur Schule zu gehen. Schon bald, nachdem Sina die Augen geschlossen hatte, wurde sie immer schläfriger. Gleich würde sie in das Reich der Träume gleiten ...

Plötzlich war da ein Geräusch – ein leises, aber deutlich vernehmbares Knarren. Es klang, als ob jemand eine uralte Tür vorsichtig aufschob. Sina war schlagartig wieder hellwach. Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Bildete sie sich das ein oder spürte sie tatsächlich einen kühlen Luftzug in ihrem Gesicht? Irgendetwas Außergewöhnliches ging in ihrem Zimmer vor sich.

Sie setzte sich im Bett auf und ließ ihren Blick durch den kleinen Raum schweifen. Das Mondlicht war gerade stark genug, um im Zwielicht die Umrisse der Einrichtungs­gegenstände erkennen zu können. Die Zimmertür war geschlossen. Ebenso die Türen des Kleiderschranks. Was sonst hätte dieses Rumoren verursachen können?

Dann wanderte Sinas Blick in Richtung Fenster. Direkt darunter stand der Schreibtisch, an dem sie nachmittags mehr oder weniger regelmäßig ihre Schulaufgaben erledigte. Sina hielt den Atem an und ihr Herz verfiel augenblicklich in einen trommelnden Galopp. Unter dem Schreibtisch war etwas, das dort nicht hingehörte. Genauer gesagt war dort jemand.

Das Wesen konnte unter der Schreibtischplatte fast aufrecht stehen. Nur ein wenig musste es den Rücken beugen, damit die zwei großen spitzen Ohren oben nicht anstießen. Viel mehr als diesen Schattenriss konnte Sina nicht erkennen. Sie hatte den Eindruck, dass diese Kreatur sie anstarrte.

Sina spürte, wie sich in ihrem Bauch ein unangenehmes Kribbeln ausbreitete, fast so, als ob dort gerade ein Schwarm Wespen begonnen hatte ein Nest zu bauen. Es war ein ähnliches Gefühl wie damals, als sie im Freibad auf den drei Meter hohen Sprungturm geklettert war und sich dann doch nicht getraut hatte, von dort oben herunter zu springen. Sina wusste, wie es sich anfühlt, wenn man sich fürchtet. Und genau in diesem Moment fürchtete sie sich gewaltig.

Auf einmal trat das Wesen aus dem Schatten unter dem Schreibtisch hervor. Sina konnte jetzt mehr erkennen. Es handelte sich eindeutig nicht um einen Menschen. Die längliche Schnauze der Kreatur, die in einer Knubbelnase endete, sah alles andere als menschlich aus. Eher musste ein seltsames Tier in das Haus gelangt sein. Aber das konnte auch nicht sein, denn welches Tier trug schon Kleidung? Ja, im Zirkus hatte Sina einen Schimpansen gesehen, den man in eine Kinderhose und ein buntes T-Shirt gesteckt hatte. Aber das hier war etwas anderes. Der unheimliche Besucher hatte ein Leinengewand an, um das ein breiter Gürtel geschlungen war. Kleidung in dieser Art hatten die Menschen vielleicht vor tausend Jahren einmal getragen.

Sina zuckte zusammen, als der Fremde zu sprechen begann.

»Du bist groß geworden, Menschenmädchen.« Die Stimme klang wie ein Flüstern oder ein Zischen. Gleichzeitig hatte der Tonfall etwas Überhebliches an sich. »Nutze die Zeit, um dich von denen zu verabschieden, die dir etwas bedeuten.«

Das war jetzt einfach zu viel des Guten. Sina gelang es endlich, sich aus ihrer Starre zu lösen. Sie holte tief Luft und schrie dann so laut sie konnte: »Papa, komm schnell her! Da ist etwas in meinem Zimmer!«

Das kleine Wesen zog den Kopf zwischen die Schultern und presste sich die Hände auf die großen Ohren.

Sina rief weiter nach ihrem Vater. »Papa, hilf mir!«

Es dauerte nicht lange, da waren draußen auf dem Flur Schritte zu hören. Jemand näherte sich eilig Sinas Zimmer. Anscheinend hatte das auch der unbekannte Besucher mitbekommen. Er warf einen kurzen Blick zur Tür, drehte sich um und verschwand rasch wieder unter dem Schreibtisch. Erneut war das merkwürdige Knarren zu hören. Wieder drang kalte Luft in den Raum. Dann war das Wesen verschwunden, so als sei es durch eine unsichtbare Öffnung in der Wand geschlüpft.

Die Zimmertür wurde aufgerissen und Sinas Vater Bernd erschien im Türrahmen. »Meine Güte, was ist denn los?«, brummte er noch ganz verschlafen. Er trug einen zerknitterten beigefarbenen Schlafanzug und seine Haare standen in alle Richtungen ab. So wie er aussah, konnte man meinen, er sei gerade aus dem Bett gefallen. Bernd betätigte den Lichtschalter und im Zimmer wurde es augenblicklich hell.

Sina schaute ihren Vater mit großen Augen an. »Da war so ein seltsames ...« Sie wusste nicht, wie sie es erklären konnte. Ihre Stimme zitterte ein wenig. »... so eine Art Tier. Aber es war kein richtiges Tier, sondern etwas anderes. Es kam unter meinem Schreibtisch hervor.«

Bernd setzte sich auf die Bettkante und legte liebevoll seine Hand auf Sinas Schulter. Sofort ging es ihr besser. Wenn ihr Vater an ihrer Seite war, dann drohte keine Gefahr mehr. Es dauerte nicht lange, da hatte sich Sinas Aufregung einigermaßen gelegt.

Sina berichtete in allen Einzelheiten, was geschehen war. Bernd schaute seine Tochter aufmerksam an und hörte ihr genau zu. Besonders als sie das Aussehen des fremden Wesens beschrieb, lauschte er konzentriert.

Sina kam sich lächerlich vor, als sie ihre eigenen Worte hörte. Das klang alles mehr als unvorstellbar, vor allem jetzt, wo das helle Deckenlicht angeschaltet war. Wenn ihr jemand eine solche Geschichte aufgetischt hätte – niemals wäre sie auf die Idee gekommen, auch nur ein Wort davon zu glauben.

»Und dann, als ich dich gerufen habe, ist die Gestalt wieder unter meinen Schreibtisch gehuscht und war auf einmal verschwunden. Es war fast so, als gäbe es dort eine versteckte Tür«, schloss Sina ihren Bericht.

»Unter den Schreibtisch?«, fragte Bernd.

Er stand vom Bett auf und kroch auf allen vieren unter die Tischplatte. Er klopfte mit den Knöcheln seiner Hand gegen die Wand.

»Ich kann hier nichts Auffälliges feststellen«, erklärte er. »Hier gibt es nur solides Mauerwerk. Nicht einmal eine Küchenschabe würde es schaffen hier hereinzukommen. Und das soll schon etwas heißen. Die Biester finden so gut wie überall einen Weg.«

Sina musste lachen, als sie ihren Vater auf dem Teppichboden herumkriechen sah. Dann wurde sie wieder ernst. »Meinst du, ich habe das Ganze nur geträumt?« Sie begann jetzt schon an ihrer eigenen Geschichte zu zweifeln.

»Was glaubst du denn selbst?« Bernd schob den Vorhang zur Seite und sah aus dem Fenster. Er ließ den Blick über die Gegend vor dem kleinen Reihenhaus schweifen, in dem die Familie Biberstein wohnte. Draußen lag Schnee, der noch ganz frisch war. Es sah schön aus, wie der Mond den Garten und die weißen Flächen der angrenzenden Felder in ein märchenhaftes Licht tauchte.

»Ich glaube, ich sollte mich jetzt hinlegen und schlafen«, sagte Sina gähnend. »Schließlich muss ich morgen wieder früh raus.« Sie schaute auf ihren Wecker. Es war schon nach Mitternacht.

»Ich wusste gar nicht, dass ich eine so vernünftige Tochter habe«, entgegnete Bernd mit einem verschmitzten Lächeln.

Sina kuschelte sich unter ihre Bettdecke. »Ab morgen bin ich wieder unvernünftig, keine Sorge.«

»Wenn du möchtest, kannst du heute Nacht bei Mama und mir im Bett schlafen. Früher haben wir dich immer zu uns geholt, wenn du schlecht geträumt hast.«

Sinas Augen waren schon geschlossen. Sie schüttelte müde den Kopf. »Ich bin doch keine acht mehr.«

Bernd ging zu ihr ans Bett und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Schlaf gut, mein Liebling.«

Sina bemerkte nicht den eigenartigen Unterton, der in der Stimme ihres Vaters mitschwang. »Gute Nacht, Paps«, murmelte sie. Dann schlief sie ein. Wenn sie genauer hingehört hätte, vielleicht wäre ihr klar gewesen, dass ihr Vater sich Sorgen machte – sehr große Sorgen sogar.

Bernd stand noch eine Weile neben Sinas Bett und beobachtete seine schlafende Tochter. »Eines Tages musste es so kommen«, sagte er leise. Er seufzte, drehte sich um und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer.